Buchpräsentation mit Leo Bassi

ich habe hier schon ein paarmal über den radikalclown leo bassi geschrieben. gestern hatte ich die große ehre, gemeinsam mit leo bassi dessen neues buch „la revelación“ – eine scharfsinnige abrechnung mit den monotheistischen religionen – auf dem internationalen clownfestival festiclown in santiago de compostela zu präsentieren.

beim abendessen erzählte der 55jährige über seine schwierigkeiten, als spross einer traditionsreichen zirkusfamilie ein buch zu schreiben. er selbst habe seinem vater lesen und schreiben beigebracht, während sein onkel, der es als erfolgreicher clown zum multimillionär gebracht hat, analfabet geblieben sei. und laut bassis mutter schrieben nur „zivile“ bücher, zirkusmenschen niemals. „zivile“ haben nämlich nicht die die eier, von der manege oder bühne aus den menschen die dinge ins gesicht zu sagen.

Polizisten auf die Straße!

Weil 105 Euro doch relativ viel sind, habe ich heute auf Anraten von Rechtsanwalt Dr. Heinrich Vana einen Einspruch hinsichtlich der Höhe der Strafe (s.u.) verfasst und an die Bundespolizeidirektion Wien gesandt:

Lieber Herr ORat Mag. Kittinger,

in Anerkennung der Tatsache, dass ich mich am 7.4.2007 illegal versammelt habe möchte ich Sie höflichst bitten, das Strafmaß so weit wie möglich auf eine Ihnen angemessen erscheinende Höhe herabzusetzen, da ich

  • derzeit Clown in Ausbildung bin, als solcher noch über kein Einkommen verfüge und auch meine Einkünfte aus journalistischer Tätigkeit sich dem Ende zuneigen
  • irrtümlich der Annahme war, an einer angemeldeten Kundgebung zum Thema „Meinungsfreiheit“ teilgenommen zu haben. Niemals würde ich, wie in der Anzeige vermerkt, an einer Kundgebung teilnehmen, die das Thema „Mehr Polizisten auf Österreichs Straßen“ ins Lächerliche zieht, da ich überhaupt nichts gegen mehr Polizisten auf Österreichs Straßen habe, im Gegenteil!
  • mich so gut wie möglich bemühe ein guter Bürger zu sein in dessen Absicht es keinesfalls steht oder jemals stand, das Versammlungsgesetz zu übertreten.

Ich danke für Ihre wohlwollende Kenntnisnahme,

mit freundlichen Grüßen

Das Unsichtbare dingfest gemacht

Im Tanzquartier Wien fand dieser Tage das Projekt Performing Rights Vienna statt, in dem internationale Künstler den Grenzbereich zwischen Kunst und politischem Aktivismus ausloteten und Beispiele kreativen Widerstands präsentierten. Ich habe hier bereits vor zwei Jahren über die Clown Rebel Army geschrieben. Nun hatte ich die Gelegenheit, an einem Workshop mit John Jordan, einem der Mitbegründer der Clownrebellen, teilzunehmen.

Creative Resistance und Rebelclowning versucht nicht nur, Poesie und Pragmatik, Ethik und Ästhetik zusammenzubringen, sondern auch die duale Logik gesellschaftlicher Ordnung (Polizei/Protestierer, Freund/Feind, Mann/Frau, Richtig/Falsch etc.) und hierarchische Muster zu durchbrechen und an deren Stelle lustvolle Aktionsformen zu setzen, die um nichts weniger effektiv sind (siehe etwa die erfolgreichen Cacerolazos in Argentinien).

Der Workshop sollte – nach Wünschen des Veranstalter – mit einem „Showing“ vor Publikum enden. Weil das aber erst wieder Klassisch Repräsentieren geheißen hätte, entschieden wir uns für einen anderen Weg. Im benachbarten Museum für Moderne Kunst wurde gerade die Ausstellung Die blaue Revolution von Yves Klein eröffnet. Motto: „Das Unsichtbare dingfest machen“. Sponsor dieser Ausstellung ist die Fluggesellschaft Air France, die regelmäßig Zwangsabschiebungen von Flüchtlingen durchführt. Der Konzern verdient an diesen Deportationen Unschuldiger, die immer wieder tödlich verlaufen. Wir entschieden uns daher gemeinsam mit unserem „Publikum“ für eine schnelle Intervention, druckten rasch Info-Flyer und begaben uns auf die Ausstellungseröffnung, wo wir uns „deportieren“ ließen. Ein detaillierter Bericht von Claus Pirschner ist auf FM4 nachzulesen.

die kraft der angst

bei meinen recherchen über große clowns stoße ich hin und wieder auf große sätze. peter brook, der als großer regisseur und theatertheoretiker mit dem großen burkinabischen clown und griot sotigui kouyaté zusammengearbeitet hat (welcher im dezember zum internationalen clownfestival anjos do picadeiro nach rio kommt), sagt in einem interview mit dem tagesspiegel auf die frage: warum braucht der mensch rituale?:

„Ich weiß nicht, ob ich das beantworten kann. Nach meiner Erfahrung ist der kraftvollste und unbegreiflichste Fakt des menschlichen Lebens die Angst. Diese Angst ist so fordernd, dass sie ein Sicherheitsbedürfnis auslöst, das zur Bildung von Strukturen führt. Etwa die Tatsache, dass man politische Parteien ernst nimmt, dass man an Wahlen glaubt. All das sind Mittel, um der Furcht entgegenzutreten, der totalen Leere ins Auge zu sehen. (…) Die Leere, vor der man Angst hat, ist nur zu menschlich. Wenn man aber sieht, wie wahnsinnig schwierig das Leben ist und sich dessen bewusst ist, führt einen das zu etwas absolut Positivem. Wenn man den Mut aufbringt, alle Versicherungen und Beruhigungen loszulassen, gelangt man in den Bereich hinter allen Religionen. Dort lösen sich die Formen auf, und es bleibt die pure Leere. Was in dieser positiven Leere geschieht, kann man als Befreiung von der Zeit beschreiben.“

muamba

Fast ein Jahr ist es her, dass ich bei Leris Colombaioni einen Kurs in klassischer Clowntechnik gemacht habe. Hier das Video der damaligen Abschlusspräsentation.

Katholischer Bischof im Kreuzzug gegen Clown

Nach dem Mordversuch und mehreren Moddrohungen gegen den Anarchoclown Leo Bassi durch christliche Fundamentalisten legt die katholische Kirche Spaniens nun ein Schäuferl nach: In seiner Sonntagspredigt wütete der Erzbischof von Toledo, Antonio Cañizares, gegen den Künstler und bezeichnete dessen Aufführung „La Revelación“ als „wahrhafte Beleidigung der Kirche“ und „Attentat gegen die Religionsfreiheit“. Leo Bassi verteidigt in seinem Stück allerdings die Freiheit des Denkens und der Rationalität gegen die Macht der Kirchen, Sekten und Obskurantisten. Diese Macht demonstriete sich in Toledo erneut: Der Bürgermeister entzog dem Theaterfestival, in dessen Rahmen Bassi auftreten sollte, umgehend alle Subventionen.

In seiner heiligen Messe ermutigte der Erzbischof seine Schäfchen indessen zum Kreuzzug gegen den Clown: ohne den Respekt gegenüber dem „was uns am Heiligsten ist gibt es keinen Frieden“, sagte der Gottesmann.

Im Namen Gottes

In Madrid fuehrt seit einigen Wochen der Anarchoclown Leo Bassi sein kirchenkritisches Stueck „La Revelación“ (Die Offenbarung) auf. Er nimmt darin die Kirche, Sekten und obskurantistische Gruppen aufs Korn, indem er sich zum Beispiel als Papst Benedikt verkleidet für die Millionen Aidstoten entschuldigt, die die Kirche durch ihr Kondomverbot provoziert. Christliche Gruppen organisierten daraufhin mit Unterstützung der Amtskirche Demonstrationen um das Stueck verbieten zu lassen und reichten gerichtliche Klagen wegen Blasphemie ein. Nicht nur das: Bassi wird seit Wochen mit Morddrohungen überhäuft.

Gestern legte einer der Terrorchristen eine Brandbombe in der Garderobe des Madrider Theaters Alfil und riskierte damit den Tod von über 200 Menschen. Der Zünder der Bombe konnte in letzter Minute gelöscht werden. Auf www.leobassi.com finden spanische StaatsbuergerInnen ein Formular, das beim Kirchenaustritt hilft. In Österreich kann man das hier machen, Infos für den deutschen Sprachraum gibt es hier.

aus dem leben eines clowns

ich hab an dieser stelle schon mal von meinem clownlehrer márcio libar erzählt. heute nachmittag erzählte er mir bei einem ausgedehnten strandspaziergang an der praia do flamengo wie es dazu kam, dass er vor einem monat seine tochter kennenlernte:

mit 19 jahren verbrachte der heute 39jährige eine nacht mit einer jungen frau, die daraufhin schwanger wurde und auf nimmerwiedersehen verschwand. márcio erfuhr damals von der schwangerschaft, wusste aber nicht einmal den nachnamen der frau – und sie vermied jeden kontakt. das war vor 20 jahren.

vor ein paar monaten hat márcio einen befreundeten astrologen aufgesucht, der ihm prophezeite dass er demnächst seine tochter kennenlernen würde. daraufhin ging er für zehn tage in ein terreiro – so nennt man die kultstätte der afrobrasiliandischen religion candomblé – und rief die geister an. die mãe de santo (priesterin) riet ihm daraufhin, er solle im orkut (eine internet-kommunikationsplattform) nach ihr suchen, die geister würden ihm dann schon den namen sagen. oder habt ihr geglaubt die götter sind nicht im internet? er hat dann tatsächlich auf gut glück irgendwelche namen eingegeben an die er sich grob zu erinnern glaubte – und plötzlich stieß er auf das foto einer 19jährigen, die ihm wie aus dem gesicht geschnitten ist (wer im orkut ist findet sie in meiner freundesliste). das war vor einem monat.

er hat ihr dann gemailt – und sie antwortete, dass sie seit jahren auf der suche nach ihrem vater sei und die mutter nichts sagen wollte. sie haben sich dann getroffen und einen dna-test gemacht – er ist tatsächlich der vater!!! ich habe giuliana bereits kennengelernt – sie ist ihm nicht nur äußerlich ähnlich, sie redet wie er, gestikuliert wie er und hat das gleiche charisma wie ihr vater. und ich hab glaub ich selten glücklichere menschen gesehen!

Handgefertigt

Applaus ist eines der wenigen Dinge, die heute noch mit der Hand gemacht werden.
(Charlie Rivel, Clown, 1896-1983)

Meister des Bauchflecks

lerisLeris Colombaioni repräsentiert die fünfte Generation der wohl berühmtesten italienischen Clownfamilie. Ihre Wurzeln reichen bis in die Commedia dell’arte (16. Jhd). Gemeinsam mit seinem Vater Nani hat er in den Fellini-Filmen „La strada“ und „I Clowns“ mitgewirkt.

Zurzeit gibt er in Rio einen Kurs in klassischer Clowntechnik. Wir lernen, wie man richtig auf die Schnauze fällt, gegen Tüstöcke knallt, von Sesseln stürzt und saftige Watschen fängt. Was Leris mit meinen bisherigen Clownmeistern gemeinsam hat ist die enorme Liebe, die er mit seiner Arbeit ausstrahlt.