Luft raus

Was ich immer schon für eine gute Idee gehalten habe wird jetzt in Paris systematisch praktiziert: Anonyme Ökoguerrillas lassen Luxus-Geländewagen die Luft aus den Reifen. Damit die Alarmanlage nicht losgeht, stülpen die „Dégonflés“ („Luft-Raus-Kommandos“) einen Fahrradadapter über die Ventile, sodass die Luft langsam entweicht. Bis zu zwei Dutzend Fahrzeuge „erledigt“ ein Kommando pro Nacht. Gerichtsklagen haben kaum eine Chance – im schlimmsten Fall kann der Besitzer die Abschleppkosten zurückverlangen.

Vielleicht finden sich ja bald Nachahmer in anderen Städten – immerhin emittieren die sinnlosen SUV-Autos im Schnitt 230 Gramm des Klimagiftes Kohlendioxid pro Kilometer – ein normaler PKW kommt auf rund 154 Gramm.

In 10 Tagen erscheint das Schwarzbuch Öl. Mehr dazu in Kürze auf diesem Bildschirm.

go.stop.act!

In der anarchistischen Trotzdem Verlagsgenossenschaft ist soeben das Buch go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Geschichten – Aktionen – Ideen erschienen, in dem politische AktivistInnen und KünstlerInnen Tipps zum Rebellieren geben.

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Carnival Against Capitalism – Karneval, Umzüge, Masken, verkehrte Welten
Laugh Parade – Öffentlich die Macht verlachen
Reclaim The Streets – Straßenparty kann auch Widerstand machen
Critical Mass – Wir sind der Verkehr
Theater machen! Politisches Straßentheater
Radical Puppetry – Wenn Figurentheater radikal wird
Radical Cheerleading – Akrobatik und subversives Reimen
Street Art – Symbolische Angriffe auf die Funktionalität der Stadt
Guerilla Gardening – Die Kunst wild anzupflanzen
Flash Mobs – Sinnbefreite Blitzperformances
Stolpersteine auf der Datenautobahn – Politischer Aktivismus im Internet

Zum Thema gibts auch zwei interessante Weblogs: kreativerstrassenprotest.twoday.net und kommunikationsguerilla.twoday.net.

Geheime Clownrebellenarmee

Subversion mit roter Nase: In England sorgt eine Clownguerrilla für Verwirrung im System. Mit dem Aufruf „Run away from the Circus – join the Circa“ ruft die Clandestine Insurgent Clown Rebel Army (Circa) zur Rebellion gegen das kapitalistische Herrschaftssystem auf.

Die erste Aktion konzentrierte sich 2003 auf einen Staatsbesuch des US-Präsidenten, als die Rebellentruppe dazu aufruf, George Bush durch einen „echten“ Clown zu ersetzen. Seit Oktober veranstaltet die Tarnorganisation CRAP (Capitalism Represents Acceptable Policy) den „Jährlichen Marsch für den Kapitalismus“ durch Londons Innenstadt. Mit Slogans wie „Tax the poor“, „Bombs not Bread“, „War is good for the economy“, „Climate change? Bring it on“ und „Free Trade not Fair Trade!“ ermutigten sie KundInnen von Starbucks und Pizza Hut zum Konsum, wurden aber danach von Clowns mit Spießen und schlechten Witzen attackiert.

Mittlerweile gelten die Clownrebellen in England als echtes Sicherheitsrisiko – „Because nothing undermines authority like holding it up to ridicule“. Die Polizei ist hilflos, weil sie sich bei (bereits stattgefundenen) Verhaftungen der Lächerlichkeit preisgibt. Und es wird weiter rekrutiert. Das Basic Rebel Clown Training umfasst fünf Phasen:

* Finding the Inner Clown
* Subversive Play
* Civil Disobedience and Direct Action
* Bouffon Manoeuvres
* Marching and Drilling

„Clowns reden immer von derselben Sache: Sie reden von Hunger. Hunger nach Essen, Hunger nach Sex, aber auch Hunger nach Würde, nach Identität, nach Macht. Letztendlich stellen sie die Frage wer befiehlt und wer protestiert.“ (Dario Fo)

Nix

Auf ebay versteigert das attac-Konsumnetz NIX an den/die Höchstbietende/n. Der Preis liegt zur Stunde bei 72 Euro, bis Samstag – dem internationalen Kauf-Nix-Tag – kann noch mitgesteigert werden.

Der Buy-Nothing-Day wird in über 80 Ländern als Aktionstag für bewussten Konsum und Protest gegen unmenschliche und umweltschädliche Herstellungsbedingungen gefeiert. Mitmachen!

Selbstversorgung

Im Rahmen einer Demonstration gegen Arbeitslosigkeit und Ausbeutung wurde heute ein Kaufhaus am Rande von Rom geplündert. „Der proletarische Einkauf ist kein Verbrechen, sondern eine Art Streik“, erklärte dazu Luca Casarini von den Disobbedienti.

Ich denke, dass auch Slogans wie Geiz ist geil als Einladung zum „proletarischen Einkauf“ zu verstehen sind.

Besetzt

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In Brasilien gibt es nicht nur Land-, sondern auch Hausbesetzungen. Sogar im Stadtzentrum von Rio sind vier Häuser besetzt. Eines davon haben wir heute besucht. Es gehört ausgerechnet der Landreformbehörde INCRA und steht seit 20 Jahren leer. In der Nacht auf den 23. Juli wurde es von 60 obdachlosen Familien in Besitz genommen. Die Incra fordert das Gebäude zurück, noch ist der Prozess im Gange. Die brasilianische Verfassung verpflichtet Grund- und HausbesitzerInnen zur Nutzung ihres Eigentums. Präsident Lula hat noch im Wahlkampf dazu aufgefordert, leerstehende Häuser zu besetzen. Nach offiziellen Angaben gibt es in ganz Brasilien 6,5 Millionen obdachlose Familien und fünf Millionen ungenutzte Immobilien. Doch von Regierungsseite gibt es keine Unterstützung.

Den HausbesetzerInnen geht um mehr als eine Wohnung: Sie arbeiten mit der Uni zusammen, um Müllrecyclingprojekte ins Leben zu rufen und damit Geld zu verdienen, erzählt der 39jährige Maciel Silva dos Santos. Er ist vor Jahren aus Pernambuco nach Rio zugewandert und lebte bis Juli auf der Straße. „Es gibt Studien, denen zufolge Rio jährlich 600 Millionen Reais (170 Mio. €) mit der Wiederverwertung von Abfällen einsparen und 25.000 Menschen beschäftigen könnte“, behauptet Maciel.

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Die BewohnerInnen haben sich strenge Regeln nach anarchistischen Prinzipien auferlegt: Wichtige Entscheidungen werden in wöchentlich stattfindenden Versammlungen getroffen. Dort werden auch Konflikte geregelt. Alkohol und andere Drogen sind im Haus verboten. Alle Arbeiten am Haus, Ver- und Entsorgung, Essen, Kinderbetreuung etc. werden solidarisch organisiert. Jede/r stellt wöchentlich 20 Arbeitsstunden zur Verfügung, wer Geld verdient leistet einen Solidarbeitrag. Bis jetzt scheint das zu funktionieren, die Stimmung ist gut, aber es sind auch schon Mitbewohner wegen asozialen Verhaltens rausgeflogen.